Schwesternliebe 8

Schwesternliebe 8
Als ich am anderen Morgen erwachte, fühlte ich mich körperlich wieder recht gut. Der Hangover war verschwunden, auch mein Magen rebellierte nicht mehr. Noch immer war außer mir niemand zu Hause, Nadja war auch letzte Nacht nicht heim gekommen.

Ich frühstückte, räumte die Wohnung auf, bezog mein Bett frisch, wusch die Wäsche. Irgendwann aber setzte gähnende lange Weile ein und ich verfluchte mich, weil meine Gedanken noch immer völlig ungeordnet und planlos durch mein Hirn zogen.

Ich musste mich beschäftigen.

Aber womit?

Mir fiel ein, dass ich schon seit einiger Zeit nach einem neuen Handyanbieter schauen wollte und mir vorgenommen hatte, im Internet einen Preisvergleich zu recherchieren. Also ging ich in mein Zimmer, um meinen Laptop hochzufahren.

Das Gerät reagierte nicht, augenscheinlich war die Batterie leer. Seufzend stand ich auf und suchte nach dem Ladekabel.

Es war nicht zu finden, weder in meinem Schrank, noch im Schreibtisch oder im Wohnzimmer. Wahrscheinlich hatte Nadja es wieder ungefragt benutzt und nicht zurück gebracht.

Also schlurfte ich schlecht gelaunt in ihr Zimmer.

Ihr Laptop lag aufgeklappt auf dem Bett, das Ladekabel hing wie selbstverständlich daran. Zornig zerrte ich es heraus, als mein Blick auf den Desktop fiel, welcher sich in dem Moment automatisch hochfuhr.

Ihr Facebook-Konto war geöffnet.

Bis heute ist es mir unmöglich zu erklären, warum ich es getan habe. Aber ich kauerte mich auf das Bett und klickte ihr Profil an.

Nur wenige Augenblicke später übermannte mich das Gefühl, jetzt und hier das Bewusstsein zu verlieren.

Adrenalin schoss ungebremst durch meinen Körper und verursachte einen metallischen Geschmack auf meiner Zunge.

Mein Körper zitterte, die Hände versagten mir ihren Dienst, ich schaffte es nicht einmal, diese verdammte Seite zu schließen.

So starrte ich mit tiefstem Entsetzen fassungslos auf den endgültigen Verrat, das unabänderliche Ende unserer Schwesternliebe.

Nadja musste in der letzten Nacht von ihrem Handy aus die Fotos in Facebook geladen haben, welche ich Thomas am Montag von der Damentoilette des Krankenhauses aus geschickt hatte.

Mit hämischen Titeln wie: „Hat jemand von euch schon mal so ekelhaft hässliche Euter gesehen?” oder „Unrasierte Fotzen stinken!” hatte sie einen Teil ihrer Freunde zum Kommentieren meiner Bilder eingeladen.

Ich wollte weg … einfach nur weg aus diesem Alptraum.

Aufstehen, den Laptop aus dem Fenster werfen, sie suchen und ihr wehtun. Das waren die einzigen Gedanken, zu denen ich fähig war, während ich wie in Trance begann, den Chat, welcher unter den Fotos entstanden war, zu lesen:

Kai Arnold: Man, die Dinger würde ich gern mal zum Tittenfick ran nehmen! Naddel, wo hast du solche scharfen Sachen her?

Nadja Hildebrandt: Wie Tittenfick? 😀

Mit diesen Eutern würdest du es gern treiben? Schäm dich Kai, du kannst jederzeit meine Tittis haben und das weißt du auch!

Kai Arnold: Echt? Dann komm ich rüber heute Abend, haben wir ein Date?

Nadja Hildebrandt: Nein, du Spinner, ich bin bei Thomas. Der fickt wie ein junger Gott. Macht mit dem allein fast mehr Spaß als mit dir und Sebastian zusammen. 😉

Kai Arnold: Na dann … muss ich halt warten, bis du ihn satt hast, dauert bei dir ja nie allzu lange! Hahahaha!

Nadja Hildebrandt: Du bist ein Arsch! Bei dem bleibe ich mindestens so lange, bis meine dämliche Schwester durchgedreht ist und sich irgendwo hin verpisst, damit ich endlich meine Ruhe habe und sie mir keine Vorschriften mehr macht! ^^

Sebastian Gruber: Hey Naddel, spendiere mal deiner großen Schwester eine Portion von deinem Rasierschaum, sieht ja widerlich aus! Ich kann gar nicht verstehen, was Thomas an der findet.

Nadja Hildebrandt: Das versteht der doch selbst nicht! Er meinte mal, er wollte was haben, das ihm keiner wegnimmt, so ne stressfreie Beziehung, wo er machen kann was er will und die Perle kocht und putzt und die Fresse hält. Außerdem isses wohl einfach sie zu ficken, die ist dankbar für alles. Aber so richtig klappt das nicht … erst bumst er mich am Sonntagabend durch den halben Baggersee und gestern macht er wieder mit der Alten rum. Ich konnte nicht widerstehen und hab mich ihm in Erinnerung gebracht. Hihihi … die Augen von den beiden hättet ihr sehen müssen. Hat sich aber gelohnt, Thomas und ich hatten später bei ihm daheim ne geile Nacht … ihr wisst schon, so mit allem … hihi!

Kai Arnold: Lol, stimmt, Sonntagabend ging bei euch echt die Post ab, als Thomas noch zum See kam. Nun sag doch mal, wie du an diese hypergeilen Fotos gekommen bist!

Sebastian Gruber: Gestört, völlig gestört!

Nadja Hildebrand: Kai, DAS war sowieso das Schärfste ever! Ich habe Thomas am Montag im Krankenhaus besucht. Er hatte nachmittags eine Zeitlang keinen Einsatz und so konnten wir noch bissel quatschen. Da kriegt er eine Nachricht von Katja, dass sie ihn ja nicht stören will, bla bla bla. Aber sie möchte wissen, was er für Wein trinkt und so nen Scheiß, weil sie mit ihm nen tollen Abend haben will. Ich hab mich kaputt gelacht, als ich den Mist gelesen habe und ihm gesagt, wenn er jetzt irgendwas wirklich dämliches von ihr verlangen würde, sie wäre bereit, es zu tun. Tja … hat er mir nicht geglaubt! … Bis ich ihm das Handy weggenommen und ein paar Anweisungen geschickt habe. Was soll ich sagen, das Ergebnis seht ihr hier. Meine Arbeit – ich erwarte euren Applaus! War auch keine Frage, dass ich mir die Fotos dann auf mein Handy schicken musste, ich brauchte schließlich einen Beweis für die Dämlichkeit der Dicken. 😀 😀 😀

Kai Arnold: Hahahahaha — ich fall unter den Tisch — Beifall!!!!!!!

Sebastian Gruber: Genial 😉

Ich sah Buchstaben, welche sich zu Worten aneinander reihten, Worte, aus denen sich Sätzen bildeten, Sätze die einen Sinn ergaben.

Aber ich verstand nicht, wollte nicht verstehen.

Mein Hirn blockierte, weigerte sich wahrzunehmen, was ich hier wieder und wieder las.

Mein Verstand wollte nicht begreifen, nicht realisieren.

Ich wehrte mich, mein Innerstes verschloss sich.

Mein Bewusstsein schien auf eine Wanderschaft ohne Rückkehr zu gehen.

Betäubt, ohne Gefühl stand ich auf und nahm mein Handy.

WhatsApp.

Nadjas Nummer.

Ich schickte ihr nur eine kurze Nachricht, schaltete dann das Gerät aus.

Ich kannte sie gut genug um zu wissen dass ihre Neugier siegen würde, wenn sie sah, dass ihre mit Sicherheit ablehnende Antwort nicht zustellbar war.

“Bin am Baggersee, mit Whisky und Zigaretten. Muss dringend mit dir reden.”

Mehr hatte ich ihr nicht geschickt.

Ich zog mich an und verließ die Wohnung.

***

Meine kleine Schwester Nadja starb an einem Montagnachmittag, Ende August bei einem Badeunfall.

Die langwierigen Ermittlungen haben mich nie als Täterin überführt.

Der Staatsanwalt konnte mir am Ende nicht einmal unterlassene Hilfeleistung nachweisen. Nachdem ich Nadjas Körper leblos auf dem Wasser treiben sah, bin ich sofort zu ihr geschwommen, um sie aus dem See zu ziehen.

Als ich später ihren Tod feststellen musste, rannte ich wie von Sinnen auf die nahe gelegene Straße und versuchte, das nächstbeste Auto anzuhalten um Hilfe zu holen.

Am Ende gingen alle davon aus, das Nadja zu viel Alkohol im Blut hatte und voll tunken versuchte, den See auf seiner langen Seite zu durchschwimmen. Irgendwann haben sie einfach ihre Kräfte verlassen.

Da ich während dieser Zeit auf meiner Decke schlief, war es mir nicht möglich, ihre Hilferufe zu hören.

Kein Angler, kein weiterer Badegast war an diesem Tag am Baggersee.

Komischer Zufall.

***

Der Wecker klingelt, es ist Sonntagmorgen 9.00 Uhr.

Verschlafen reibe ich mir die Augen, strecke mich und seufze enttäuscht.

Natürlich liege ich nicht am Strand von Ibiza, selbstverständlich lebt meine kleine Schwester.

Ich bin noch immer Schwester Katja aus der Tagesklinik.

Pünktlich, zuverlässig, freundlich.

Ich muss aufstehen und den Tisch decken.

Nadja und Thomas haben mir gestern Abend noch gesagt, dass sie um 10.00 Uhr frühstücken wollen.

Das Bett neben mir ist unberührt und leer …

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